Eigentlich ist alles schön

Es ist Montagmorgen, 20 nach sieben. Ich begleite unseren Jüngsten an die Bushaltestelle. In Gedanken überlege ich, was heute ansteht, gehe in Gedanken die Moderation durch, die am Abend ansteht, überlege, welche Telefonate davor erledigt werden müssen und ob ich es noch schaffe, den Trockner zu leeren und durchs Haus zu saugen. Mein Kleiner plappert munter darauf los und schiebt seine Hand in meine, die an diesem Morgen zum ersten Mal in einem Handschuh steckt. „Dann kann ich auch meine Freundin Lara wärmen“, so seine Begründung. 
An der Haltestelle warten schon einige Schüler und zwei Herren im Businesslook. Nahezu alle schauen auf ihr Handy, kaum einer hebt den Blick, als wir zu diesem gemischten Grüppchen stoßen. Die einen chatten, die anderen zocken. Nebenan debattiert Businessmann 1 mit seinem Gesprächspartner über das Meeting, zu dem man sich wohl gleich trifft und bei dem man „den Luschen erst mal zeigen wird, wie schlecht deren Werte sind“. Auf der anderen Seite balgen sich zwei Jungs, treten sich immer wieder gegenseitig ans Schienbein. Nach einer Weile beschweren sich die ersten, dass der Bus wieder einmal zu spät ist und überhaupt, was ist das eigentlich für ein Wetter. 
Und plötzlich schaut Ole in den Himmel und deutet auf eine Wolke, die in ihrer Mitte ein Lücke hat, die aussieht, wie ein Herz und die Sonne etwas durchscheinen lässt. „Schau mal Mama, da oben ist ein Herz, das hat sicher Oma für uns gemacht, weil sie uns sagen möchte, dass wir einen schönen Tag haben sollen“. Ich schaue nach oben, bin gerührt, drücke verstohlen eine Träne weg und streichle ihm über sein Köpfchen. 
Ich gehe in die Hocke und sage ihm, wie schön ich es finde, dass er solche Dinge sieht. Er lächelt selig und als ich mich umschaue, registriere ich, dass ausnahmslos alle Menschen, die mit uns an diesem Morgen an dieser Bushaltestelle standen, ebenfalls in den Himmel schauen. Keiner hatte mehr seinen Blick auf dem Handy oder war damit beschäftigt seinen Gegenüber zu treten. 
Und dann kam der Bus, Ole grinste und sagte, „eigentlich ist alles schön“. Ja, denke ich mir beim Weg zurück, eigentlich ist alles schön, wenn es einem gelingt, die Welt hin und wieder mit Kinderaugen zu betrachten. 

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