Die Rückkehr des Arguments

Unsere Jungs spielen Wasserball im Sportpool. Der eine zieht durch, der andere verfehlt den Ball und der folgt seiner nicht vorhergesehenen Bahn und trifft leider nicht das dafür vorgesehene Netz, sondern eine vorbeilaufende Frau am Kopf. Grand Malheur, doch die jahrzehntelange Erziehung greift. Beide springen umgehend aus dem Pool, erkundigen sich nach dem Wohlbefinden und entschuldigen sich wortreich. Doch die Frau beklagt umgehend den Bruch ihrer Gucci Brille und klärt die Jungs auf, dass diese 300 Euro gekostet habe. Beide Jungs schauen sich den Schaden an und bekräftigen ihre Absicht, selbstverständlich dafür aufkommen zu wollen. Die Getroffene jedoch scheint nicht zu hören und beklagt sich weiter, sie sei schließlich allein hier mit zwei Kindern und das brauche sie jetzt nicht auch noch. Meine Jungs schauen zuerst sich und dann die Frau ratlos an. Die zetert weiter. Die Jungs entschuldigen sich erneut und der eine sagt „walla, wir haben es echt nicht böse gemeint“. Da funkelt sie ihn noch wütender an - und ich hätte nicht gedacht, dass das noch geht - und ihre Tonlage kommt den Höhen der Königin der Nacht verdammt nahe „walla, walla“, äffte sie den einen nach, "sprich gefälligst Deutsch mit mir“, tönt es über die Pools. (Zur Erklärung - „walla“ ist arabisch und bekräftigt eine getätigte Aussage). Ich bleibe stummer Beobachter, denn die Jungs haben es im Griff, bleiben höflich und ziehen sich zurück, nicht bevor sie brav ihre Zimmernummer abgegeben haben, damit die Haftpflichtversicherung zumindest den materiellen Schaden wieder gut machen kann.

Bei mir hallt die Szene jedoch nach: Der Frau ist etwas geschehen und anstatt adäquat auf die Situation zu reagieren, eröffnet sie Nebenkriegsschauplätze, die mit dem eigentlichen Vorfall rein gar nichts zu tun haben. Zugegeben, allein mit zwei Kindern im Urlaub zu sein, ist unschön. Wir wissen nichts über die Hintergründe und unser Kopfkino kann aus dieser Szene allerlei Stoff für Vorabendfilme produzieren, aber immerhin ist die Gute mit ihren Kindern im Urlaub. Hätte sie auch schlimmer treffen können. Mit dem Wurf des Balles hat das Privatleben der Dame jedoch wenig zu tun.

Auch die Aufforderung Deutsch zu sprechen, scheint mir in einem Land, in dem wir ebenfalls zu Gast sind und in dem die Landessprache spanisch ist und die Gäste aus unzähligen Nationen kommen, doch vermessen.

Natürlich wurde die Situation auch bei unserer abendlichen Essensrunde diskutiert. Ich warf ein, dass man der Frau vielleicht einfach mal zuhören, sie ihre Ängste formulieren lassen sollte. Ich habe das in der Vergangenheit öfter erlebt, wenn wir beispielsweise aus unserem Leben mit unserem syrischen Pflegekind erzählt haben und wie schwer der Umgang mit den Kriegserlebnissen des Kindes, die Integration innerhalb unserer Familie und die Überwindung sozialer Unterschiede war. Plötzlich ging es um die alleingelassenen Alleinerziehenden, die verarmten Pensionäre, das mangelhafte Angebot der Kinderbetreuung in unserem Land und die Diskriminierung der arabischen Frauen. Irgendwann habe ich angefangen, den Menschen zu zuhören. Und dabei habe ich herausgefunden, dass es den meisten tatsächlich darum geht: Um das Gehörtwerden. Ihre Argumente werden dadurch nicht besser. Haben auch weder im Allgemeinen noch im Besonderen mehr mit der Situation oder der Diskussion zu tun. Aber das Zuhören hilft dem Gegenüber. So zumindest meine Erfahrungen

Trotzdem appelliere ich an die Rückkehr der Argumente in den Diskussionen und Auseinandersetzungen. Sie täten einer Greta Thunberg ebenso gut, wie einer Carola Rackete, auch die Palästinafrage würde davon profitieren und auch die Situation des Regenwalds. Könnten wir unsere persönliche Befindlichkeiten oftmals dort belassen, wo sie hingehören und uns im Öffentlichen dem Thema zuwenden, um das es geht, wäre vieles erreicht. Dann müssten wir die Vegetarier nicht mit einem Bollen Fleisch konfrontieren und die Seenotretter nicht mit Gesetzestexten, die alles berücksichtigen, nur nicht den Ertrinkenden, der auf eine bessere Welt hofft.

Die Alleinerziehende am Pool hat mittlerweile eine neue Brille. Meine Kinder rufen immer noch „walla“ übers Wasser, wenn sie etwas bekräftigen wollen und ich nehme mir vor, sie heute Abend in der Lobby, mal zu fragen, wie es ihr geht.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0