Das Ritalin der digitalen Welt

Egal, ob beim Frühstück, beim Mittag- oder Abendessen, ja sogar beim Snack mittendrin - es vergeht keine Mahlzeit, an dem wir hier im Hotel nicht erleben, wie Kindergesichter hinter Tabletts oder gebeugt über Smartphones verschwinden. An nahezu jedem Tisch stehen neben den Salatschüsseln und Desserttellern die Minicomputer, oder sollte ich besser sagen, das Ritalin der digitalen Welt?
Die Familie sitzt in trauter Runde zusammen und sollte nicht nur die kulinarischen Leckereien genießen, die frisch zubereitet serviert werden, sondern eigentlich auch das Miteinander und den Austausch. Doch meistens werden die Handys noch ausgepackt, bevor der Stuhl zur Seite gerückt wurde, ja sogar in den Babystühlen reicht der Platz für ein Minitablet aus. Dann flimmern die Comichelden der Kleinsten über die Schirme und die Actionhelden der Größeren und nebenbei gibts Lachs und Kartoffelpüree - es könnten aber auch Fischstäbchen und Pommes sein, denn meist schaut das Smartphone-Auditorium sowieso nicht auf den vor sich stehenden Teller - es könnte ja schließlich etwas von der Handlung in der virtuellen Welt verpassen.
Natürlich kenne ich als dreifache Mutter auch den Babysitter „DVD", der es mir ermöglicht, ein längeres Telefonat in Ruhe zu führen, oder einen Artikel fertig zu schreiben, dessen Redaktionsschluss in bedrohliche Nähe rückt und kein zweibeiniger Helfer in Sicht ist. Doch im Urlaub will ich nicht auf die virtuelle Welt setzen, ich will die Erlebnisse meiner Kinder teilen, auch ihren Streit und selbst wenn es mal länger dauert, bis das Essen kommt. Müssen wir denn ständig unterhalten sein und schaffen wir es als Eltern nicht mehr, unsere Kinder zu genießen, statt sie immer fremdbetreuen zu lassen - in diesem Fall vom elektronischen Animateur?
Natürlich bin ich in solchen Fällen auch als Elternteil gefragt und fungiere als Vorbild. Den meisten Eltern scheint es aber schwerer zu fallen, sich miteinander zu unterhalten, als mit ihrem Chatpartner. Zusammen sitzen sie in der Lobby, die Sängerinnen geben alles und die Tänzer locken zum Hüftschwung, doch an den Tischen sitzen die Menschen und starren stumm auf die Screens.
Seit geraumer Zeit versuche ich mein Handy bewusst wegzulegen, wenn ich mit meinen Kindern zusammen bin. Am Tisch ist es sowieso tabu. Natürlich ist das nicht immer einfach und es zuckt mitunter auch in meinen Fingern, wenn ich mich gerade mit meiner Freundin austausche, die Kummer hat, und eines meiner Kinder etwas erzählen oder mitteilen möchte. Doch, wenn ich heute nicht zuhöre, teilt mein Kind später dann noch etwas mit mir oder lieber mit seinem Chatpartner?
Mir ist dieses Risiko zu groß - ich will meine Kinder live und auch wenn es mal mies läuft und sie aus Langeweile aneinander hoch gehen. Ich will kein ruhiges Essen, ohne die Stimmen und das Gelächter meiner Kinder quer über den Tisch. Das ist für mich Familienleben.Das gehört für mich dazu. Ich will die wahre Welt und von Ritalin habe ich noch nie etwas gehalten.

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